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Buchtipps

Auf dieser Seite stellen wir Bücher vor, die uns persönlich sehr gut gefallen haben.



Cornelia Funke: Reckless (Dressler, 19,95 €)
"DER SPIEGEL ÖFFNET SICH NUR FÜR DEN, DER SICH SELBST NICHT SIEHT. Jacob schloss die Augen. Er kehrte dem Spiegel den Rücken zu. Tastete hinter dem Rahmen nach irgendeinem Schloss oder Riegel. Nichts. Er blickte immer wieder nur seinem eigenen Spiegelbild in die Augen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er begriff." (Reckless, Steinernes Fleisch, S. 9)
Und als er begriffen hat, geht er durch den Spiegel hinüber in eine andere, magische Welt, die von Feen und Fabelwesen bevölkert wird und in der die steinernen Goyl Krieg gegen die Menschen führen, um sie zu vernichten.
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen folgt ihm eines Tages sein jüngerer Bruder Will in die Welt hinter dem Spiegel und wird bei einem Angriff der Goyl verletzt. Er beginnt, langsam zu Jade zu versteinern und einer von ihnen zu werden.
Gemeinsam mit Wills großer Liebe Clara und der Gestaltwandlerin Fuchs begibt Jacob sich auf eine gefährliche Reise, um seinen Bruder zu retten…
Das neue Buch von Cornelia Funke ist der Auftakt zu einer mehrbändigen Reihe und ist spannende, märchenhafte Unterhaltungsliteratur nicht nur für Kinder ab 13 Jahren.
(Gabriele Evers)
Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche (Kiepenheuer und Witsch, 18,95 €)
Die Geschichte der leidenschaftlichsten und durchtriebensten Großmutter aller Zeiten.
Am Anfang tut sie alles, um nicht Großmutter zu werden: Im Jahr 1978 ist Rosalinda wild entschlossen, die Schwangerschaft ihrer viel zu jungen und viel zu dummen Tochter Sulfia zu beenden. Doch das misslingt, und sobald die Enkelin Aminat auf der Welt ist, entbrennt ein rücksichtsloser, grotesk-komischer Kampf um sie.
Erzählt wird die Geschichte dieser drei Frauen aus der Sicht der Großmutter Rosalinda, einer Matriarchin alten Stils, die nur ihre eigenen Maßstäbe gelten lässt und das Schicksal ihrer Familie in die Hand nimmt. Dabei ist ihr so ziemlich jedes Mittel recht, um das in ihren Augen "Beste für alle" zu erreichen.
Ein rasant geschriebener Roman mit viel Witz und Ironie, über den ich sehr gelacht habe, der mich aber im Verlauf seiner Geschichte auch sehr nachdenklich gemacht hat.
(Gabriele Evers)
Janne Teller: Nichts, was im Leben wichtig ist (Hanser, 12,90 €)
"Nichts bedeutet irgendetwas…Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun." Mit diesen Worten verlässt der vierzehnjährige Pierre Anthon den Unterricht, um fortan im Pflaumenbaum zu sitzen und von da aus seinen Mitschülern die Sinnlosigkeit des Lebens zu predigen. Die beschließen, ihm das Gegenteil zu beweisen und fangen an, Dinge zu sammeln, die für sie persönlich von Bedeutung sind. Derjenige, der als letzter etwas abgegeben hat, bestimmt den Nächsten und was dieser hergeben muss.
Was relativ harmlos mit den Lieblingsbüchern des Einen beginnt, eskaliert schnell und findet seinen vorläufigen Höhepunkt in der gewaltsamen Verstümmelung eines Anderen. Eine erschreckende Entwicklung, nicht minder erschreckend aber ist die Reaktion der Erwachsenenwelt, die mit dazu beiträgt, dass die Geschichte schließlich in einer Katastrophe endet…
Dieses vielbesprochene Jugendbuch, das in Dänemark zunächst an den Schulen verboten war, dann aber mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde, ist auch für Erwachsene ein absolut lesenswertes Buch.
(Gabriele Evers)
Michael Robotham: Dein Wille geschehe (Goldmann, 9,99 €)
Der klinische Psychologe Joe O'Loughlin wird zu einem Polizeieinsatz auf der Suspension Bridge in Bristol gerufen: Eine nackte Frau in Highheels ist über das Geländer geklettert und will anscheinend Selbstmord begehen. Noch während Joe O'Loughlin versucht, sie in ein Gespräch zu verwickeln, springt die Frau in den Tod. Die Polizei geht von einem Selbstmord aus - bis einige Tage später die Geschäftspartnerin der Frau tot im Wald aufgefunden wird, nackt und an einen Baum gefesselt. Die Polizei ist ratlos; in der näheren Umgebung der beiden Toten findet sich weder ein mutmaßlicher Täter noch ein Motiv; sie zieht den Psychologen hinzu.
Michael Robotham versteht es, von Anfang an eine hohe Spannung aufzubauen, die er bis zum Schluss halten kann. Ein gut konstruierter, fesselnder und in sich schlüssiger Psychothriller, der mich von der ersten bis zur letzten Seite in Atem gehalten hat.
(Gabriele Evers)
Franka Potente: Zehn (Piper, 16,95 €)
"Da passiert ja überhaupt nichts!" sagte eine junge Frau enttäuscht, nachdem sie die erste der zehn Kurzgeschichten aus Franka Potentes Buch "Zehn" gelesen hatte. Neugierig geworden, nahm ich das Buch zur Hand und begann zu lesen…
Nein, äußerlich betrachtet, passiert nicht viel in diesen Geschichten, die vom traditionsgeprägten Leben der Menschen im modernen Tokio erzählen - und gleichzeitig, hinter der Fassade von Höflichkeiten und Riten, geschieht unglaublich viel.
Da ist die schwangere Ikuko, die für ihr ungeborenes Kind täglich ein umfangreiches Bildungsprogramm absolvieren muss, da Ehemann und Familie auf die Geburt eines Sohnes hoffen. Oder der unverheiratete Tetsuo, der sich aufs Heftigste in eine junge Schwedin verliebt, die so ganz anders ist als alles, was er bisher kennengelernt hat. Und der alte Herr Masamori, den der hünenhafte Wrestler André the Giant als unsichtbarer Freund durch seine letzten Tage begleitet.
Unaufdringlich und in leisen Tönen schildert Franka Potente die unterschiedlichen Schicksale, deren Dramatik sich manchmal durch einen einzigen Satz erschließt.
Eine spannende und durch ihre Fremdartigkeit sehr anregende Lektüre!
(Gabriele Evers)
Tommy Wieringa: Der verlorene Sohn (Hanser, 21,90 €)
Lange mussten die Fans (inklusive mir) auf ein neues Buch von Tommy Wieringa warten, nun ist es endlich soweit. Der holländische Autor von Joe Speedboat - Keine Zeit für Helden präsentiert in diesem Herbst sein neues Buch. Wieder ist es im Großen und Ganzen ein Entwicklungsroman, diesmal allerdings erzählt der Protagonist Ludwig seine Kindheit und Jugend in Rückblicken. Früh vom Vater, einem Künstler, sitzen gelassen beginnt die Reise von Ludwig und seiner Mutter in Alexandria, geht über Holland, England, Kalifornien und endet schließlich wieder in England in dem Dörfchen an der Ostküste, wo er den größten Teil seiner Kindheit verbracht hat. Ludwig wurde viel herum geschubst, seine Mutter hat offensichtlich etwas zu verbergen. Schnell wird er jedoch von einem Schulkameraden eingeladen, der ihm ein Video zeigt, in dem seine damals noch junge Mutter in einem Pornofilm zu sehen ist. Ludwig ist mehr als entsetzt und die Diskussion mit seiner Mutter über dieses Thema wird zum zentralen Konflikt des Buches. Nachdem sich die Mutter irgendwann, als Ludwig schon 18 ist und mit einem Freund in einer Art WG zusammen wohnt, aufgemacht hat, um ihr Glück zu finden, meldet sie sich über einen Monat nicht, bis Ludwig endlich einen Anruf aus Kalifornien bekommt. Er reist ihr dorthin nach und erfährt, dass sie, mittlerweile Mitte bis Ende Vierzig, ein Comeback als Eve LeSage in der Pornobranche feiert. Sofort geht die Diskussion wieder los, die Mutter versucht ihm klar zu machen, dass sie pro Drehtag ungefähr 10.000 Dollar verdient, ein Argument, was Ludwig zumindest ins Grübeln bringt. Und dann erfährt er durch einen Zufall, dass in Los Angeles eine Ausstellung seines Vaters beginnt….
Der verlorene Sohn ist lange nicht so witzig wie sein Vorgänger, aber von so einer ungeheuren Sprachgewalt und einer so düsteren Atmosphäre, dass es einem schon fast kalt den Rücken hinunter läuft. Ich finde, es ist ein großartiges Buch von einem tollen niederländischen Autoren, und speziell dieser Roman braucht sich hinter den letzten Büchern von John Irving nicht zu verstecken, denn sowohl die Geschichte als auch die Art der Erzählung, die schrägen Figuren, die trostlose Atmosphäre und die trotzdem immer schlummernde Hoffnung könnten tatsächlich aus einem Roman von Irving sein.
(David Brück-Thies)
Herman Koch: Angerichtet (Kiepenheuer & Witsch, 19,95 €)
Ein Abend im Sternerestaurant. Zwei Elternpaare - eine lebenswichtige Entscheidung. Der preisgekrönte Bestseller aus den Niederlanden erzählt ein Familiendrama, das um die Fragen kreist: Wie weit darf Elternliebe gehen? Was darf man tun, um seine Kinder zu beschützen? Ein Roman, der ins Herz schneidet.
Zwei Ehepaare - zwei Brüder und ihre Frauen - haben sich zum Essen in einem Spitzenrestaurant verabredet. Sie sprechen über Filme und Urlaubspläne und vermeiden zunächst das eigentliche Thema: die Zukunft ihrer Söhne Michel und Rick. Die beiden Fünfzehnjährigen haben etwas getan, was ihr Leben für immer ruinieren kann. Paul Lohman, der Erzähler und Vater von Michel, will das Beste für seinen Sohn. Und ist bereit, dafür weit zu gehen, sehr weit. Auch die anderen am Tisch haben ihre eigene, geheime Agenda. Während des Essens brechen die Emotionen auf, schwelende Konflikte zwischen den Brüdern entladen sich, und auf einmal steht eine Entscheidung im Raum, die drei der vier mit aller Macht verhindern wollen.
Mit unglaublicher Raffinesse und großem Sprachwitz erzählt Herman Koch eine Geschichte von bedingungsloser Liebe, Gewalt und Verrat. Nach und nach nur werden die wahren Abgründe und Motive der Personen sichtbar, ständig wird der Leser herausgefordert, sein moralisches Urteil neu zu fällen.
"Angerichtet" ist ein aufwühlender Roman, der lange nachhallt. Ein starkes Stück Literatur.
David Benioff: Stadt der Diebe (Heyne Verlag, 9,95 €)
Leningrad im Januar 1942: Weil er während der nächtlichen Ausgangssperre die Leiche eines deutschen Soldaten nach Essbarem durchsucht hat, wird der 17-jährige Lew sofort verhaftet – auf Plündern steht die Todesstrafe. Nach endlosen Stunden in einer kargen Gefängniszelle wird er allerdings nicht aufs Schafott, sondern zusammen mit seinem Mithäftling Kolja vor den Geheimdienstchef der Stadt geführt. Der stellt die beiden vor eine schier unlösbare Aufgabe – im Tausch gegen ihr Leben sollen sie innerhalb von sechs Tagen im ausgehungerten Leningrad zwölf Eier für die Hochzeitstorte seiner Tochter auftreiben.
Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der den schüchternen, introvertierten Lew schicksalhaft an Kolja schweißt – einen schlitzohrigen, charmanten Frauenhelden und notorischen Lügner, der ihm ständig schmerzhaft bewusst macht, dass er selbst so gar nicht zum Abenteurer taugt. Als die beiden die Hoffnung, in Leningrad Eier zu finden, aufgeben müssen, fasst Kolja einen aberwitzigen Plan: Er will sich mit Lew zu einer Geflügelfarm jenseits der feindlichen Linien durchschlagen, in ein Dorf südlich von Leningrad. Ein selbstmörderisches Unterfangen, wären da nicht Koljas Kaltschnäuzigkeit, eine unerschrockene Partisanin namens Vika und Lews Schachtalent …
David Benioff schreibt über das Leben seines Großvaters, der Großteil davon ist also wahr. Das macht die ganze Geschichte noch spannender, noch brutaler, aber auch noch schöner, als sie ohnehin schon ist.
(Cathrin Brück-Thies)
Ned Beauman: Flieg, Hitler, Flieg! (DuMont Buchverlag, 19,95 €)
England, 1934: Seth Sinner Roach ist ein kleinwüchsiger jüdischer Boxer mit nur neun Zehen. Nach einem gewonnenen Kampf wird er von einem Gentlemen angesprochen, der sich als Philip Erskine vorstellt. Der reiche Hobby-Wissenschaftler ist bei einer Expedition im Osten auf einen Käfer mit einer interessanten Musterung gestoßen. Er tauft ihn Anophthalmus hitleri . Nun will er seine Forschungen auf Menschen ausdehnen. England, die Gegenwart: Kevin Broom ist Sammler von Nazi-Devotionalien. Als er einen Brief Adolf Hitlers an einen gewissen Erskine entdeckt, erhält er Besuch von einem Auftragskiller, der offenbar zur legendenumrankten Thule-Gesellschaft gehört. In der Hand hält er eine Pistole.
Trotz seiner erst 24 Jahre hat Beauman einen sehr lesenswerten und kurzweiligen Roman geschrieben. Mit viel Liebe zum Detail und noch mehr Humor verliert er sich immer wieder in kleineren Episoden, die zusammen einen sehr intelligenten Roman ergeben.
(David Brück-Thies)
Michela Murgia: Accabadora (Verlag Klaus Wagenbach, 17,90 €)
"Accabadora" ist der erste Roman der 1972 geborenen Autorin, er ist 172 Seiten lang oder kurz und wurde von Julika Brandestini aus dem Italienischen übersetzt. Bereits das Foto auf dem Umschlag - ein junges Mädchen, das den Betrachter ernst und direkt anschaut, verweist auf den Inhalt des Buches. Erzählt wird die Geschichte des Mädchens Maria, das vierte und ungewollte Kind einer armen Witwe, welches im Alter von sechs Jahren von der Schneiderin des Dorfes, Bonaria, als "fill'e anima" angenommen wird, "eine in Sardinien seit langem praktizierte Form der Adoption, die mit dem Einverständnis der beteiligten Familien - und ganz ohne behördliche Formalitäten - geschieht" Maria wächst also bei der Schneiderin auf, und was sie nicht weiß, was dem Leser aber sehr schnell klar wird, ist, dass Bonaria nicht nur Schneiderin, sondern auch eine Accabadora ist - das ist einer alten sardischen Tradition zufolge " eine Frau, die Sterbenden in Agonie zum Tode verhilft" Erst im Laufe ihres Erwachsenwerdens entdeckt Maria dieses Geheimnis, und aufgrund des plötzlichen Todes eines jungen, invaliden Nachbarssohnes kommt es zu einem Konflikt mit ihrer Pflegemutter, der sich erst am Ende des Buches mit dem Tode Bonarias auflöst. Oberflächlich betrachtet, haben wir es hier mit einem Entwicklungsroman zu tun, gleichzeitig werden aber auch alte, archetypische Themen von Schuld und Verurteilung, Gewissenskonflikten und Vergebung geschildert. Die Handlung spielt im Sardinien der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts , dessen dörfliches Leben von Jahreszeiten und Traditionen, von Einfachheit und Kargheit geprägt ist.
Diese Umgebung schildert Michela Murgia als allwissende Erzählerin aus wechselnden Perspektiven in einer einfachen, aber machtvollen Sprache mit hoher atmosphärischer Dichte.
(Gabriele Evers)
Martin Suter: Der Koch (Diogenes Verlag, 21,90 €)
Es geht in dem neuen Suter um einen jungen sehr talentierten tamilischen Koch, der sein Dasein allerdings als Spülhilfe und "Mädchen für alles" in einem Schweizer Nobelrestaurant fristen muss, da er für eine andere Arbeit keine Genehmigung bekommt. Keiner will so recht wahrhaben, was Maravan kann, außer vielleicht die äußerst attraktive Andrea, die in dem Restaurant als Kellnerin arbeitet. Als Maravan für sie etwas kochen will und sich deswegen ein Gerät aus der Küche "ausleiht" und mit nach Hause nimmt, kommt es wie es kommen musste, er wird gefeuert. Aus Solidarität geht nun auch Andrea, denn Maravan hatte sie bei sich zu Hause mit einem ayurvedischen Menü beglückt, welches in Ihr nicht nur Verlangen nach Essen auslöste und genau dort sieht Andrea die Geschäftsidee und Love Food ist geboren. Fortan bieten die beiden einen Catering- Service für ganz spezielle Menüs an und laufen schnell Gefahr, dass ihre Dienste missverstanden werden und sie in eine Schmuddelecke gedrängt werden, wo Maravan schon allein aus religiöser und moralischer Überzeugung gar nicht rein will.
Sprachlich fein wie immer hat Martin Suter mal wieder einen tollen und für seine Verhältnisse teilweise recht erotischen Roman geschrieben, die Schweizer High Society kriegt mal wieder ihr Fett weg, ein Lesevergnügen nicht nur für Fans.
(David Brück-Thies)
Tommy Jaud: Hummeldumm (Scherz Verlag, 13,95 €)
Auch Tommy Jaud hat in diesem Frühjahr mal wieder einen neuen Roman geschrieben, in Hummeldumm geht es um Matze Klein, der mit seiner Freundin Sina und einer Reisegruppe eine Urlaubsrundreise durch Namibia macht. Allein die Mitglieder dieser Gruppe haben es schon in sich, völlig schräge überzogene Figuren von einem alten Ehepaar aus Österreich über einen durchtrainierten Schönling aus dem Osten bis hin zu einem Düsseldorfer Schicki-Micki-Pärchen gekrönt von einem Reiseleiter der mich spontan an Bruce Darnell erinnerte. Matze kann natürlich auf Anhieb keinen aus dieser Gruppe leiden und stänkert dementsprechend die ganze Fahrt rum. Irgendwann fällt ihm auf, dass er für die gemeinsam reservierte Eigentumswohnung im heimischen Köln die Überweisung der Reservierungsgebühr vergessen hat, aber dies sollte ja in Zeitalter von Handy und Interne kein Problem sein, es sei denn, man ist in Namibia und hat keinen Adapter für sein Handyladegerät und darüberhinaus keinen Handyempfang, geschweige denn Internet. Die Stimmung wird dadurch nicht entspannter und Matze verstrickt sich in eine Lügengeschichte nach der anderen, weil er Sina gegenüber natürlich niemals zugeben kann, einen Fehler gemacht zu haben.
Hummeldumm ist ein echt witziger und locker lesbarer Roman, ich fand ihn wieder besser als zum Bespiel Millionär von Jaud, perfekte Urlaubslektüre.
(David Brück-Thies)
Norman Ollestad: Süchtig nach dem Sturm (S. Fischer Verlag, 19,95 €)
An alle, die den Roman Tender Bar von J.R. Moehringer mochten ist der dritte Tipp gerichtet. In den späten 1970er Jahren erzählt Ollestad eine stark autobiographische Geschichte über ihn (er war zu der Zeit etwa 11-12 Jahre alt) und das Verhältnis zu seinem Vater. Auf zwei Zeitebenen erfahren wir sehr viel über die beiden, beides leidenschaftliche Surfer und Skifahrer. Als das Flugzeug abstürzt, in dem Norman, sein Vater und dessen Freundin sitzen und nur Norman und Sandra überlaben, scheint das Schicksal der beiden besiegelt, doch Norman besinnt sich immer wieder auf seine Stärken, die sein Vater ihm mitgegeben und ihn gelehrt hat und so gibt es für die beiden doch noch eine Überlebenschance. Auf der anderen Zeitebene erfährt der Leser, wie das innige Verhältnis von Norman und seinem Vater zustande gekommen ist.
Ähnlich wie in Tender Bar benutzt der Autor eine einerseits raue Sprache aber erzeugt auf der anderen Seite eine Stimmung, die jederzeit voll Melancholie aber auch immer voller Hoffnung ist.
(David Brück-Thies)
Peter Henning: Die Ängstlichen (Aufbau, 22,95 €)
Peter Hennings neuer Roman "Die Ängstlichen" ist, so finde ich, ein großartiger, wenn auch teilweise recht düsterer Familienroman. Die Geschichte beginnt mit dem Familienoberhaupt Johanna, die ihre Familie um sich versammeln möchte, um ihr mitzuteilen, dass sie nicht mehr alleine in ihrer Wohnung leben möchte, sondern es vorzieht, in ein Heim zu gehen. Nach und nach lernen wir dann den Rest der Familie kennen, Johannas zwei sehr unterschiedliche Söhne, ihre Tochter und deren Kinder. Mit sehr viel Tempo springt Henning von einem zum anderen hin und her ohne jedoch den Faden bzw. den Überblick zu verlieren und durchleuchtet die einzelnen Personen größtenteils recht schonungslos. Jedes der Familienmitglieder kämpft mit den verschiedensten Ängsten (daher wohl auch der Titel) und jeder bekommt im Laufe des Buches auch immer wieder die Gelegenheit, seiner jeweiligen Situation zu entfliehen, aber keiner mag so richtig die Chance nutzen.
Ich fühlte mich beim Lesen sowohl was die geniale Sprache bzw. den sprachlichen Witz als auch die Ausgangssituation angeht immer mal wieder an "Die Korrekturen" von Jonathan Franzen erinnert, umso toller finde ich es, dass endlich auch mal ein Roman dieses Formats von einem deutschen Autoren (lebt in Köln) vorgelegt wird. Allen, die gerne etwas anspruchsvollere Familienromane im Stile Franzens, Richard Powers lesen, wird dieser Roman sicher gefallen.
(David Brück-Thies)
Joey Goebel: Heartland (Diogenes, 22,90 Euro)
Einen sehr amerikanischen Roman hat Joey Goebel geschrieben, wobei ich amerikanisch im Bezug auf Literatur durchaus positiv meine. Es geht in Heartland um eine typische amerikanische Kleinfamilie in einer typischen amerikanischen Kleinstadt. Der Held der Geschichte, Blue Gene Mapother ist ein für die Gesellschaft nicht ganz so wichtiges und vor allem nicht ganz so nützliches Mitglied, ähnlich der Figur des "Dude" in dem Film "The Big Lebowski". Mehr oder weniger verstoßen von seiner Familie fristet der Mittzwanziger sein Dasein als Verkäufer von Kriegsspielzeug auf Flohmärkten, als seine Mutter ihn nach Jahren der Kontaktlosigkeit aufsucht und ihn zum Essen nach Hause einlädt. Dort lernen wir auch die anderen Familienmitglieder kennen, seinen Vater, das gelebte Patriarchat, und seinen Bruder, der mit Hilfe des Vaters und vor allem dessen Geld und Beziehungen in den Kongress gewählt werden soll. Genau dafür benötigen die beiden auch Blue Genes Hilfe. Sie bitten ihn, in Ihrem Team mitzumachen, denn wer könnte die untere soziale Schicht besser als Wähler mobilisieren als ihr Vorzeigemitglied Blue Gene. Nach langer Überlegung siegen der Familiensinn und der Patriotismus in ihm und er beschließt, dass er mit von der Partie sein möchte.
Nach "Vincent" und "Freaks" liegt nun also der dritte Roman des jungen amerikanischen Autors Joey Goebel vor, und mir hat er sehr gut gefallen. Man merkt ihm sein junges Alter in seiner Sprache schon an, denn er schreibt einerseits mit viel Witz und Tempo, auf der anderen Seite aber auch durchaus melancholisch und liebevoll, aber ich empfinde das nicht als unangenehm. Man könnte ihn schon irgendwie als Rockstar der amerikanischen Literaturszene bezeichnen, und ich glaube, er wird uns noch einige sehr gute und vor allem amerikanische Romane präsentieren. In Amerika erschien der Roman natürlich letztes Jahr zum Wahlkampf zwischen Bush und Obama und es ist nicht schwer zu erraten, welche Familie in diesem Buch ihr Fett weggekriegt hat…
(David Brück-Thies)
Jason Starr: Stalking (Diogenes, 11,90 Euro)
Der Mann, der Katie Porter folgt, wohin auch immer sie geht, ist nicht ihr Freund Andy. Der ist viel zu sehr mit seinem Job beschäftigt - und mit der Frage, ob er nicht auch noch bei anderen Frauen landen könnte.
Jason Starr schafft es, schon eine unheimliche Stimmung zu erzeugen, obwohl alles noch normal scheint. Dieses Buch habe ich oft zwischendurch gar nicht erst zur Hand genommen, weil ich wusste, dass ich es dann nicht wieder weglegen kann. Von Anfang bis Ende begleitete mich ein unheimliches Gefühl im Bauch.
(Cathrin Brück-Thies)
Jean-Marc Ligny: Aqua™ (Lübbe, 24,95 Euro)
Heut möchte ich ein Buch vorstellen, dass allen Lesern von Frank Schätzing und vor allem Andreas Eschbach gefalle dürfte. Wir schreiben das Jahr 2030, die Welt ist digitalisiert bis ins Letzte und Rohstoffe, allen voran Öl und Wasser werden allmählich sehr knapp, die Klimakatastrophe hat längst begonnen. Die Geschichte beginnt damit, dass in den Niederlanden ein Anschlag von so großer Heftigkeit auf einen Damm verübt wird, dass das Land fast vollständig überflutet wird und weitestgehend ohne Strom bzw. Elektrizität da steht. Gleichzeitig wird in Burkina Faso, einem der ärmsten und trockensten Länder auf der Erde mittels eines Satelliten ein unterirdischer See entdeckt. Dieses Satellitenfoto, was niemals an die Öffentlichkeit hätte gelangen sollen taucht aber plötzlich auf der Internetseite einer bekannten Umweltorganisation auf, weil es von einem Hacker gestohlen und veröffentlicht wurde. Auf das Wasser aus diesem See, der die Zukunft von Burkina Faso für die nächsten fünfzig Jahre sichern würde haben es naturgemäß die unterschiedlichsten Gruppen und Personen abgesehen. Zum einen meldet der Besitzer der Firma des Wettersatelliten, ein sehr patriotischer und skrupelloser Amerikaner namens Fuller Ansprüche an, zum anderen hätte aber auch die Regierung von Burkina Faso gerne etwas von dem Wasser ab um Ihre Bevölkerung zu retten und die Einwohner, die Felder und das Vieh mit Wasser zu versorgen. Laurie, Mitglied der Umweltorganisation macht sich auf den Weg nach Burkina Faso um dort zu helfen ebenso wird Rudy als Fahrer angeheuert, der bei dem Anschlag in den Niederlanden seine Frau und seine Tochter verloren hat. Doch wem gehört nun dieses Wasser? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt…
Jean Marc Ligny hat einen sehr temporeichen und harten aber durchaus unblutigen (Öko-)Thriller geschrieben, der einige unangenehme Visionen enthält. Man kommt schon ins Grübeln, ob unser Umweltbewusstsein ausreicht, um unseren Kinder und Enkeln noch eine Welt zu hinterlassen, auf der das Leben lebenswert ist.
(David Brück-Thies)
Roger Smith: Kap der Finsternis (Tropen Verlag, 21,90 Euro)
Wer mal wieder einen richtig guten, aber auch sehr harten Krimi lesen möchte, dem empfehle ich Kap der Finsternis von Roger Smith.
Die Geschichte spielt in Südafrika, genauer gesagt in Kapstadt und beginnt damit, dass zwei Gangster auf Beutezug im Garten von Jack Burn auftauchen, einem Amerikaner, der mit seiner schwangeren Frau und seinem vierjährigen Sohn auf der Terrasse beim Abendessen sitzt. Burn sieht sich gezwungen, die beiden Verbrecher vor den Augen seiner Familie mit einem großen Fleischmesser auszuschalten, spätestens da vermutet man, dass auch Jack eine nicht ganz so saubere Vergangenheit hat. Beobachtet wird der Vorfall von einem Ex-Häftling, der auf der Baustelle auf dem Nachbargrundstück für einen privaten Sicherheitsdienst Wache hält. Der korrupte und ziemlich widerwärtige Polizist Rudi Barnard bekommt nur zufällig Wind von der Sache, da er von einem der beiden Gangster noch Geld einzutreiben hat. Also hängt er sich an Burn und seine Familie und stochert in deren Vergangenheit herum bis er auf Burns Geheimnis stößt…
(David Brück-Thies)
T.C.Boyle: Die Frauen (Hanser Verlag, 24,90 Euro)
Diesmal geht es in unserem Buchtipp um T.C. Boyles neuen Roman "Die Frauen". Im Mittelpunkt steht das Leben des großen amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright. Mit dieser überlebensgroßen Figur erweitert Boyle den Kreis seiner Darstellung mythischer Amerikaner. Im Gegensatz zu seinem letzten Roman "Talk Talk", wo er mal einen Ausflug in das Thriller-Genre gewagt hatte, haben wir es hier wieder mit einem biografischen Roman zu tun. Nach Dr. John Harvey Kellogg in "Willkommen in Wellville" und Dr. Alfred Kinsey in "Dr. Sex" geht es in "Die Frauen" auch diesmal eher um das Leben und seine großen Defizite im zwischenmenschlichen Bereich des Stararchitekten als um sein Werk. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines seiner Schüler: Mitten in der Prärie hat Wright einen Traum verwirklicht: das Anwesen Taliesin. Hier lebt und arbeitet er mit seinen treuen Schülern, die einen nicht geringen Preis für die Ausbildung und Zeit bei ihrem "Meister" zu entrichten haben und seinen geliebten Frauen, die auch schon mal gleichzeitig um Franks Gunst buhlen: der aparten Tänzerin aus Montenegro, der exaltierten Morphinistin und - natürlich - Mrs. Wright. Sie alle führen erbitterte Kämpfe gegen ihre Nebenbuhlerinnen und gegen die bigotte amerikanische Gesellschaft. Boyles Geschichte des großartigen Egomanen ist zugleich eine Kritik an der Prüderie der Amerikaner in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Natürlich müssen die Fans nicht auf den typischen Boyle'schen Humor verzichten, es gibt wieder tolle Natur- und Ortsbeschreibungen, eigentlich alles, was ein guter Boyle haben muss. Sprachlich ist der Roman auf einem gewohnt hohen Niveau, nicht umsonst ist Boyle seit Jahren Professor für Creative Writing an der University of Southern California. Als großer T.C. Boyle-Fan ist es für mich ein Muss, allen anderen sei die Lektüre wärmstens empfohlen.
(David Brück-Thies)
Miriam Toews: Die fliegenden Trautmans (Berlin Verlag, 18,00 Euro)
Die Trautmans sind etwas chaotischer und ein wenig schräger als normale Familien. Dabei aber ungemein liebenswert und vom Unglück verfolgt. Hattie, die jüngere der beiden Trautman-Schwestern, wird gerade in Paris von ihrem Freund abserviert als sie den folgenreichen Anruf ihrer elfjährigen Nichte Thebes erhält. Diese bittet Hattie schnell nach Hause, nach Kanada, zu kommen. Sie hätte versucht sich um alles zu kümmern, aber jetzt ginge es nicht mehr. Ihre Mutter Min, Hatties Schwester, sei süchtig nach blauen Torpedos und fühle sich von einer Horde silbergrauer Autos bedroht.
Nach Hatties Rückkehr ist es unumgänglich Min, die ihr Leben lang an Depressionen und Psychosen gelitten hat, in einer geschlossenen Psychatrie unterzubringen. Derweil macht sich Hattie mit Thebes und Logan, Mins fünfzehnjährigem Sohn, auf den Weg nach Kalifornien, auf die Suche nach dem Vater der beiden Kinder.
Diese Odyssee, die die drei Trautmans immer stärker zusammenschweißt, ist wunderbar leichtfüßig erzählt und trotz der ungemein tragischen Ausgangssituation mit viel augenzwinkerndem Humor erzählt. Während auf der Strecke durch Amerika allerlei skurrile Personen ihren Weg kreuzen enhüllt Hattie in Rückblenden immer mehr Details der komplexen, aber auch liebevollen Beziehung zu ihrer Schwester Min.
Miriam Toews trifft in ihrem dritten auf deutsch erschienenen Roman genau den richtigen Ton um eine glaubwürdige und nachvollziehbare Balance zwischen Momenten der Komik und stillen Augenblicken der Traurigkeit zu schaffen und zaubert ein berührendes Buch über die Bedeutung von Familie. Denn so schwer das Leben den Trautmans auch zu schaffen macht, ihre Zuneigung und Liebe füreinander bieten Geborgenheit und Schutz vor allen Schicksalsschlägen. Und am Ende ihrer Reise wartet die eine oder andere Überraschung auf die fliegenden Trautmans.
(Alexander Gerlach)
Carsten Jensen: Wir Ertrunkenen (Knaus, 24,95 Euro)
Der dänische Autor Carsten Jensen hat mit Wir Ertrunkenen ein Buch geschrieben, das mich schon von der ersten Seite an gefesselt hat. Die Geschichte beginnt um 1850 im dänischen Seefahrerort Marstal und spinnt sich über 100 Jahre dänischer (Seefahrt-) Geschichte. Anfangs begibt sich der junge Albert Madsen auf die Suche nach seinem verschollenen Vater. Er verfolgt seine Spur in einer abenteuerlichen Suche quer über den Erdball und findet ihn schließlich auf einer Insel in der Südsee, umgeben von Eingeborenen und Kindern, die die gleichen Namen tragen, wie seine Kinder daheim in Marstal. Dementsprechend schockiert und desillusioniert macht sich Albert wieder auf den Heimweg und führt sein Leben als Seefahrer die nächsten Jahre fort. Als er schließlich in Marstal wieder sesshaft wird, verliebt sich der etwas linkische Albert in eine junge Witwe, welcher das Meer wie so vielen Frauen den Ehemann genommen hat. Für Albert beginnt eine innige Freundschaft mit ihrem Sohn Knud Erik, über dessen Leben in der Folge viel zu lesen sein wird.
Dieses Buch bietet dem Leser so viele verschiedene Geschichten und Episoden, die alle mit dem Meer oder der Seefahrt zu tun haben, dass zwangsläufig das Interesse für diese Thematik geweckt wird, denn dies alles bringt uns Jensen auf einem literarisch hohen Niveau näher. Sprachlich ist es teilweise gewaltig, teilweise ruhig und melancholisch aber jederzeit einfach schön zu lesen. Es gibt Abenteuer, eine Liebesgeschichte, eine Entwicklungsgeschichte über Knud Eriks Kindheit und Jugend und eine Schlussepisode über den zweiten Weltkrieg. All diese Abschnitte sind mit einem dünnen roten Faden miteinander verwoben und man nimmt dem Autor jede dieser Geschichten ab, auch wenn sie so verschieden sind.
Wir Ertrunkenen ist eins der ganz großen Bücher dieses Herbstes und jeder, der sich auf die doch immerhin knapp 800 Seiten einlässt, wird genauso begeistert sein wie ich.
(David Brück-Thies)
Heinrich Steinfest: Mariaschwarz (Piper, 16,90 Euro)
Vinzent Olander ist ein gebrochener Mann. Seit drei Jahren streift der einst erfolgreiche Geschäftsmann antriebslos durch das vernebelte Provinzkaff Hiltroff. Er ist eine symbiotische Beziehung mit seinem Wirt Grong eingegangen und wartet. Doch niemandem in Hiltroff ist der Grund für Olanders Warterei bekannt, ebensowenig wie das dunkle Geheimnis, das er mit sich herum trägt. Bis eines Tages der See Mariaschwarz, an dessen Ufer Hiltroff liegt, die trügerische Ruhe des Dorfes durcheinander wirbelt und den eigenwilligen Wiener Chefinspektor und ehemaligen Wittgensteinianer Lukastik auf den Plan ruft.
Heinrich Steinfest verbindet in seinem Roman virtuos einen überaus packenden Krimiplot, der den Leser jederzeit fordert, mit philosophischer Tiefe. Dabei kommen die philosophischen Zwischenspiele keineswegs bleischwer daher, sondern wie schimmernde, schwebende Perlen, die der Autor mit einer wortgewandten Eleganz, quasi beiläufig, auftischt, dass es eine Wonne ist. Und diese Finesse, schier unfassliche Vergleiche und wunderbar prägnante Metaphern zu zaubern, macht aus "Mariaschwarz" viel mehr als einen Kriminalroman.
Ein sprachliches Feuerwerk, ein Hochgenuss.
(Alexander Gerlach)
Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten (Kiepenheuer & Witsch, 19,95 Euro)
Alaska in der Gegenwart. Der Polizist Meyer Landsman ist am Boden. Alkoholsüchtig, von seiner Frau seit Jahren getrennt lebend, und seit geraumer Zeit in einer heruntergekommenen Absteige lebend, findet er Bestätigung und Erfüllung lediglich in seinem Job. Er ist Detective in der jüdischen Millionenmetropole Sitka im Norden Amerikas, doch seiner Behörde droht das Aus. Einen letzten Mord gilt es aufzuklären. Ausgerechnet in Landsmans billigem Hotel verübt, an einem Juden ohne Identität. Landsman stürzt sich auf den Fall und droht schon bald in einem Sumpf aus Korruption und politischen Verschwörungen zu versinken. Die Kulisse des verschneiten, tristen Alaska könnte nicht passender für diesen meisterlich erzählten, düsteren Krimi aus der Feder des Pulitzer-Preisträgers Michael Chabon gewählt sein. Gepaart mit der ungeheuren Erzählkunst des Autors entsteht eine soghafte Atmosphäre, die das fiktive Szenario eines Judenstaates in Alaska mit Leben füllt. Denn dies ist die Ausgangslage des Romans. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Israel umittelbar nach Staatsgründung von den arabischen Feinden erobert und sämtliche Juden erneut vertrieben. Eine neue, vorübergehende Heimat fanden sie in Alaska.
Aus diesen Zutaten strickt Chabon eine unvergleichliche Mischung aus jiddischem Humor, düsterem Milieu, und packendem Thriller, bevölkert von liebenswerten, grausamen, einprägsamen Charakteren. Eine Hommage an die schwarzen Krimis von Raymond Chandler und doch ganz und gar eigenständig. Ein Meisterwerk!
(Alexander Gerlach)
Markus Zusak: Die Bücherdiebin (cbj, 19,95 Euro)
Liesel Meminger ist neun, der zweite Weltkrieg steht vor der Tür und Liesel befindet sich mit ihrem kleinen Bruder Werner auf dem Weg zu Pflegeeltern. Doch Werner überlebt die Zugfahrt nicht und Liesel bleibt allein zurück. Ihren neuen Eltern und ihrem neuen Zuhause widersetzt sich Liesel. Anfangs. Denn obwohl Liesel von Alpträumen geplagt keine ruhige Nacht verbringt, wird schnell klar, dass ihr Rosa und Hans Hubermann die Liebe und Geborgenheit schenken die nötig sind um in dem Chaos der folgenden Kriegsjahre eine nahezu unbeschwerte und glückliche Kindheit zu verbringen. Hans lehrt sie das Lesen und bald schon entdeckt Liesel die Kraft und das Glück, das aus Büchern und Geschichten entspringen kann.
"Die Bücherdiebin" ist eine ungeheuer starke, ergreifende Erzählung aus einer Zeit der Hoffnungslosigkeit. Berichtet wird Liesels Schicksal von einem höchst ungewöhnlichen Erzähler. Der Tod selbst streift Liesels Leben an manchen Punkten, ist fasziniert von diesem Geschöpf und breitet nach und nach ihr Leben vor dem Leser aus. Dafür findet der deutschstämmige Australier Markus Zusak eine ungeheuer starke Sprache, die vor Gefühl und Zuneigung für seine Figuren geradezu überquillt, ohne dabei je kitschig zu wirken, und den Leser sofort gefangennimmt. Dabei spart er die Grausamkeit und den Hass des dritten Reiches keineswegs aus. Er stellt ihr lediglich eine ausufernde, grenzenlose Liebe gegenüber, die in dem alles verzehrenden Krieg ein rares Gut darstellt und jederzeit zu Tränen rührt. Dies ist ein kostbares, ein todtrauriges, ein unsagbar schönes Buch, welches das Leben aller Menschen, ob jung oder alt, bereichern sollte.
(Alexander Gerlach)
Jodie Picoult: Die Wahrheit meines Vaters (Piper, 8,95 Euro)
Delia Hopkins verbrachte eine glückliche Kindheit, daran bestand bisher nie ein Zweifel. Doch als eines Tages die Polizei ein schreckliches Geheimnis über ihre Familie offenbart, holt eine Vergangenheit Delia ein, von der sie nicht einmal wusste, dass es sie gab … Jodi Picoult erzählt die zutiefst berührende Geschichte einer Frau, und es gelingt ihr, den Wert der Erinnerung und der Liebe fühlbar zu machen.
Jodie Picoult schreibt sehr fesselnd und gut. Oft werden Szenen aus den verschiedenen Perspektiven der Personen mehrmals erzählt. Besonders interessant fand ich den Zwiespalt der Hauptperson Delia, die die Situationen einmal zwar als Tochter sieht, aber andererseits auch als Mutter einer vierjährigen Tochter.
(Cathrin Brück-Thies)
Ken Follett: Die Tore der Welt (Lübbe, 24,95 Euro)
England im Jahre 1327. Es ist der Tag nach Allerheiligen. In der Stadt Kingsbridge trifft sich im Schatten der Kathedrale das Volk. Vier Kinder flüchten vor dem Trubel in den nahe gelegenen Wald. Dort werden sie Zeugen eines Kampfes - und eines tödlichen Geheimnisses. Merthin, ein Nachfahre von Jack Builder, dem Erbauer der Kathedrale, hat dessen Genie und rebellische Natur geerbt. Sein starker Bruder Ralph strebt den Aufstieg in die Ritterschaft an. Caris, Tochter eines Wollhändlers, hat den Traum, Arzt zu werden. Gwenda, Kind eines Taglöhners, will nur ihrer Liebe folgen. Und da ist noch Godwyn, Caris'Vetter, ein junger Mönch, der entschlossen ist, Prior von Kingsbridge zu werden. Koste es, was es wolle. Ehrgeiz und Liebe, Stolz und Rache werden den Weg dieser Menschen bestimmen. Pest und Krieg werden ihnen das Liebste nehmen, was sie besitzen. Glück und Unglück werden sie begleiten. Doch sie werden die Hoffnung niemals aufgeben. Und immer wird der Schwur sie verfolgen, den sie an jenem schicksalhaften Tage leisteten.
Ein neuer, absolut lesenswerter Mittelalter-Roman von Ken Follett, bei dem man nach knapp 1300 Seiten doch traurig ist, dass er vorbei ist. Follett schafft es wieder einmal,einen ins Mittelalter hinein zu ziehen. Ich würde allerdings nicht so weit gehen, diesen Roman als eine Fortsetzung von "Die Säulen der Erde" zu bezeichnen, denn er spielt 200 Jahre später und hat bis auf die Stadt Kingsbridge nicht mehr viel mit dem Vorgänger zu tun.
(David Brück-Thies)
Cindy Dyson: Unalaska (BVT, 10,50 Euro)
Die schöne und freimütige Brandy folgt ihrem Freund Thad, einem Hochseefischer, auf die Alëuten-Insel Unalaska. Während Thad auf See ist, bleibt Brandy alleine auf der Insel zurück und arbeitet im berüchtigten Elbow-Room. Bisher führte sie ein Leben an der Oberfläche - Drogen, Männer, Luxus. Plötzlich wird sie konfrontiert mit den Geheimnissen jener Alëuten-Frauen, die über Jahrhunderte hinweg für die Existenz ihres Volkes kämpften. Tief bewegend erzählt Cindy Dyson von mutigen, leidenschaftlichen Frauen. Eine faszinierende Hommage an die spröde Schönheit Alaskas.
Dieses Buch beschreibt sehr fesselnd, wie die Hauptperson sich von der Vergangenheit befreit und lernt, unabhängig zu werden. Verknüpft ist dies noch mit den Erzählungen über die Alëuten-Frauen und das, wozu sie in der Lage waren, um zu überleben.
(Cathrin Brück-Thies)
Nicci Gerrard: Allein aus Freundschaft (Ehrenwirth, 18 Euro)
Seit Nancy, die beste Freundin aus Kindertagen, plötzlich alle Brücken zu Gaby abgebrochen hat, ist die Welt für Gaby nicht mehr dieselbe. Noch zwanzig Jahre danach schmerzt sie dieser Verlust so sehr, dass sie eines Tages beschließt, den Grund für Nancys Verschwinden in Erfahrung zu bringen. Dabei kommt sie einem Geheimnis auf die Spur, das alles gefährdet, was Gaby Glück bereitet: ihre Liebe zu Connor; ihr gutes Verhältnis zu ihrem Sohn und ihrem Bruder; wertvolle Erinnerungen an eine große Freundschaft; ihre Gesundheit und ihr Selbstvertrauen. Denn sie entdeckt so Ungeheuerliches über Menschen, denen sie bedingungslos vertraut hat, dass dieses Wissen sie zu ersticken droht.
Ein wirklich schöner Familienroman zum Mitfiebern. Man überträgt die Situation auf das eigene Umfeld und fragt sich immer: Wie würde ich reagieren? Was würde ich an Gabys Stelle machen? Würde ich vergessen und verzeihen?
(Cathrin Brück-Thies)
Bernhard Kegel: Der Rote (marebuchverlag, 22,90 Euro)
Kaikoura, Neuseeland: Das Meer beginnt zu kochen. Ein gewaltiges Seebeben türmt Wellen auf, die den malerischen Touristenort binnen Minuten in ein Ruinenfeld verwandeln. Die Wale, deren Blas und Flukenschlag gerade noch die größte Attraktion für zahllose Whale-Watcher war, verschwinden. Mit ihnen die Touristen; der Campingplatz verwaist. Das Seebeben scheint alles Leben aus Kaikoura vertrieben zu haben. Einer der wenigen, die geblieben sind, ist der deutsche Naturwissenschaftler Hermann Pauli, ein Experte für Kalmare. Pauli wollte in Kaikoura den Tod seiner Ehefrau verwinden und streift nun durch einen Ort der Leere und Verwüstung. Doch dann stellt er fest, dass das Seebeben auch etwas zutage gefördert hat: eine Anomalie, die ihn nicht nur unentrinnbar fasziniert, sondern auch in höchste Alarmbereitschaft versetzt.
Bernhard Kegel hat einen spannenden Tiefsee-Thriller geschrieben, der ohne viel Fachchinesisch auskommt.Ein Buch, dass allen Lesern von "Der Schwarm" gefallen dürfte.
(David Brück-Thies)
John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama (Fischer, 13,90 Euro)
Wie nähert sich ein Kind dem Holocaust? Und wie kann ein Kind das Grauen in Auschwitz fassbar machen? Bruno ist neun Jahre alt, die Wirren des 2. Weltkriegs laufen in weiter Ferne, bis eines Tages sein junges Leben komplett auf den Kopf gestellt wird. Sein Vater, mit dem der Furor Großes vor hat, wird an einen Ort namens Aus-Wisch versetzt. Vorbei ist es mit Brunos Großstadtleben, mit seinen Freunden und mit dem riesigen Haus der Familie. Das neue Zuhause begreift er nicht, überall Schlamm, das Haus ist nicht annähernd so groß wie das Alte, und ein schrecklicher Zaun trennt Bruno von möglichen Spielkameraden auf der anderen Seite. Aber wozu gibt es diesen Zaun überhaupt und was passiert auf der anderen Seite wirklich? Diesen Fragen muss sich Bruno nach und nach stellen, besonders als er Schmuel kennen lernt, einen Jungen von der anderen Seite. Als Perspektive wird ausnahmsweise nicht die des Opfers eingenommen, sondern eine durchaus neutrale, auf der deutschen Seite des Zauns. Bruno ist ein aufgeschlossener Junge, bemüht andere nicht nach Äußerlichkeiten zu beurteilen. In seinem Kosmos ist kein Platz und kein Verständnis für die Möglichkeit der kollektiven Vernichtung von Menschen, egal wie sie heißen. Ganz behutsam, und in seiner Unausweichlichkeit tragischen Art und Weise, wird Bruno, und mit ihm der Leser, näher an das schreckliche Geheimnis von Auschwitz geführt. Doch selbst am Ende aller Dinge kann Bruno das Geschehen nicht ganz erfassen. Denn es ist nicht zu fassen, weder für Bruno noch für uns, mehr als 60 Jahre später. Brunos Geschichte berührt im tiefsten Inneren, die kindliche Distanz die er zum Unaussprechlichen hat ist unsere, und wie er fragen wir uns, mit Tränen der Wut und der Trauer: Welchen Zweck erfüllt das alles?
"Der Junge im gestreiften Pyjama" ist ein wichtiges Buch wider das Vergessen, sowohl mit einer historischen, als auch einer aktuellen gesellschaftlichen Ebene, und der Erkenntnis, dass der Hass nicht nur die Kinder der anderen Seite verschlingt, sondern auch unsere eigenen! Dabei richtet es sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene zugleich: "Dieses geschah vor langer Zeit, und etwas Ähnliches könnte nie wieder passieren. Nicht in diesen Tagen. Nicht in diesem Zeitalter."
(Alexander Gerlach)
Neil Gaiman: Anansi Boys (Heyne, 12 Euro)
Charles Nancy ist ein junger Mann mit bemerkenswertem Pech. Sein Job ist stinklangweilig und sein Chef total durchgeknallt, seine Verlobte will bis zur Hochzeit nicht mit ihm schlafen und seine Schwiegermutter ist ein Drache der ihm das Leben schwermacht. Schuld daran ist sein Vater, der ihn als Kind Fat Charlie nannte, keinem zehnjährigen gereicht dieser Name zum Vorteil. Der Name aber blieb haften, denn sein Vater war der Spinnengott Anansi, und alles was Götter benennen besteht. Diese Enthüllung erreicht Fat Charlie allerdings erst nach dem extrem peinlichen Abgang seines Vaters, in den Armen einer drallen Blondine, genauso wie die Existenz seines bis dato unbekannten Bruders Spider. Mit Spiders Auftauchen bricht das komplette Chaos in Charlies Leben aus.
"Anansi Boys" ist eine wahnwitzige Mischung aus Comedy, Familiendrama, Liebesgeschichte, Fantasythriller und Gruselmärchen. Sprühender Dialogwitz, britisch-ironischer Humor und ein Gespür für pointenreiche Situationskomik machen den Roman zu einem funkelnden Feuerwerk in der oft eintönigen Landschaft zeitgenössischer Unterhaltungsliteratur. Und gerade als man sich bei dem Gedanken ertappt allergrößte Unterhaltungsliteratur genossen zu haben, spürt man, dass Fat Charlie und Spider, Daisy und Mrs. Higgler und natürlich Anansi selbst, noch lange im Gedächtnis haften bleiben werden.
(Alexander Gerlach)
Pascal Mercier: Lea (Hanser, 19,90 Euro)
Die achtjährige Lea hat sich nach dem Tod der Mutter in eine eigene Welt zurückgezogen, zu der auch der Vater keinen Zutritt hat. Erst der Klang einer Geige holt sie ins Leben zurück. Sie erweist sich als ausserordentliche musikalische Begabung und mit achtzehn liegen ihr Publikum und Musikwelt zu Füssen. Doch Martin van Vliet, ihren anfang überglücklichen Vater, treibt es immer tiefer in die Einsamkeit...
Ein weiterer toller Roman von Pascal Mercier, dem Autor von "Nachtzug nach Lissabon".
(Cathrin Brück-Thies)
Steve Tesich: Ein letzter Sommer (List, 8,95 Euro)
Ein letzter Sommer im Leben des siebzehnjährigen Daniel. Er macht seinen Highschoolabschluss in dem Industriekaff East-Chicago. Die beruflichen Aussichten sind trist, von seinen Freunden Misiora und Freud entfremdet er sich zusehends. Als Daniel die geheimnisvolle und schöne Rachel kennenlernt und er das erste Mal die Liebe spürt, scheint sich das Glück zu wenden.
Voller Liebe, Hoffnung und Schicksal träumt er einer großartigen Zukunft entgegen und ignoriert die dunklen Schatten am Horizont. Melancholisch und einfühlsam schildert Steve Tesich die Nöte und die Leidenschaften eines Heranwachsenden. Schmerzvoll sind die Erfahrungen die Daniel macht und mehr als einmal möchte man den Protagonisten nehmen und rütteln ob seiner Egozentrik und seiner Unfähigkeit das Offensichtliche wahrzunehmen. Doch letztendlich überwiegt die Zuneigung, denn ein letzter Sommer ist eine Hymne an das Leben und ein einzigartiger Glücksfall!
(Alexander Gerlach)
Mark Haddon: Der wunde Punkt (Blessing, 19,95 Euro)
Als George Hall in der Kabine eines Kaufhauses einen schwarzen Anzug anprobiert, entdeckt er einen dunklen Fleck an seiner Hüfte. Sein erster Gedanke: Krebs. Sein zweiter: Wie bringe ich mich am besten um? Er erleidet einen Blackout, den er vor seiner Familie geheim zu halten versucht. Seine Tochter Katie hat da ein ganz anderes Naturell: Mit immer neuen Lebensentwürfen hält sie die Familie in Atem. Jetzt kündigt sie an, dass sie ein zweites Mal heiraten wird. Als das misstrauisch beäugte Paar bei George und seiner Frau seine Aufwartung macht, erwischt es den Familienvater zum zweiten Mal: Mitten in einer Unterhaltung bekommt er keine Luft mehr, und die Worte zerfallen ihm zu sinnlosen Geräuschkaskaden. Wenig später erwischt er auch noch seine Frau beim Seitensprung. Aber George ist nicht der einzige Hall, der leidet. Sohn Jamie hat endlich mal einen festen Freund, weiß aber nicht, ob er diesen auf die Hochzeit seiner Schwester mitnehmen soll. Er zögert so lange, bis der Geliebte Reißaus nimmt. Was umso absurder ist, als jetzt auch noch Katies Trauung ins Wasser zu fallen droht...
Nach dem großen Erfolg von "Supergute Tage" jetzt das neue Buch von Mark Haddon. Diesmal handelt es sich um eine rabenschwarze typisch britische Familiengeschichte mit liebenswerten Charakteren und einer wirklich komischen Handlung, in der alles im totalen Chaos zu versinken droht.
(David Brück-Thies)
Philip Reeve: Lerchenlicht (Bloomsbury, 17,95 Euro)
Arthur Mumby ist ein ganz normaler Junge. Seine ältere Schwester Myrtle geht ihm gehörig auf die Nerven, er giert nach wagemutigen Abenteuern und schon in jungen Jahren ist er stolzer Patriot und glühender Anhänger des britischen Empire. Lediglich sein Heim ist ganz und gar ungewöhnlich. Er bewohnt mit seiner Familie die Villa Lerchenlicht, und die kreist um die dunkle Seite des Mondes im unendlichen Äther. Denn in der Mitte des 19. Jahrhunderts erstreckt sich das britische Reich zu Zeiten von Queen Victoria, dank Sir Isaac Newton Verfahren der chymischen Hochzeit, bis in die Tiefen des Alls.
Und genau von dort droht gewaltiges Ungemach. Fiese Ätherspinnen überfallen die Villa Lerchenlicht und zwingen Arthur und Myrtle zu einer gefahrvollen Odyssee durch den Äther. Nur die Geschwister scheinen in der Lage Lerchenlicht und den Rest des Empire vor dem Untergang zu bewahren.
"Lerchenlicht" ist ein fantasievoller, bewußt anachronistischer Science-Fiction-Roman für Jugendliche. Neben einer großen Portion Spannung und Action bietet das Buch britischen Humor in der Tradition von Douglas Adams oder Terry Pratchett und macht das Lesen dadurch zu einer sowohl aufregenden als auch amüsanten Reise durch die unbekannten Gefilde des Weltraums.
(Alexander Gerlach)
Hannu Raittila: Canal Grande (btb, 9,00 Euro)
Drei Finnen werden von der UNESCO beauftragt Gründe für das Absinken von Venedig zu finden und gegebenenfalls Abhilfe zu schaffen. Mit an Bord sind der pragmatische Ingenieur Marrasjärvi, der alternde Journalist Saraspää und der Kunsthistoriker Heikkilä, der den anderen Expeditionsteilnehmern schon bald gehörig auf die Nerven geht. In Venedig stellt sich das ganze Ausmaß der Katastrophe schnell dar. Nicht nur, dass die Stadt komplett im Nebel versunken zu sein scheint, bevölkert wird sie außerdem noch von Maulaffen feilhaltenden Venezianern, die sich keinen Deut darum scheren ob ihre Stadt, und sie selbst mit, auf dem Meeresboden versinkt. Eine Situation, die besonders für den gebeutelten Ingenieur, der gerne seiner Arbeit nachgehen würde, aber von allen Seiten boykottiert wird, unerträglich wird.
Hieraus ergeben sich köstlich komisch Situationen in denen sowohl die Finnen, als auch die Venezianer ihr Fett weg bekommen. Ganz nebenbei ist "Canal Grande" eine Hommage an Venedig und eine Gesellschaftssatire auf ein vereinigtes Europa, dessen Kulturen überraschenderweise doch von einer gewaltigen Unterschiedlichkeit ausgezeichnet werden.
Ein wahres Lesevergnügen das nicht nur die Leser von Arto Paasilinna begeistern dürfte.
(Alexander Gerlach)
Richard Powers: Der Klang der Zeit (Fischer, 9,95 Euro)
In einem Roman mit großen Figuren, farbigen Dialogen und vor dem Tableau der Rassenunruhen der letzten Jahrzehnte Amerikas erzählt Richard Powers die Geschichte einer Familie mit zwei Hautfarben – die eines vor den Nazis geflüchteten jüdischen Wissenschaftlers und einer Afroamerikanerin. Ihre Ehe wäre in vielen Staaten der USA noch ein Verbrechen, doch in New York fühlen sie sich sicher. Sie vertrauen ganz auf den amerikanischen Traum, dass sich jeder selbst neu erfinden kann. Mithilfe der Musik bauen sie ein Nest, das alle Dissonanzen der Welt fernhalten soll. Und es scheint zu gelingen: Der älteste Sohn wird ein gefeierter Tenor und Liedsänger, der mittlere begleitet ihn am Klavier, und einzig die Tochter durchschaut, dass sich nur Weiße leisten können, über die Hautfarbe hinwegzusehen, und schließt sich den Black Panthers an...
Das war für mich einer der großartigsten amerikanischen Familienromane der letzten Jahre. Wer "Die Korrekturen" oder "Middlesex" mochte, der wird dieses Buch lieben!
(David Brück-Thies)
Per Petterson: Im Kielwasser (Hanser, 19,90 Euro)
Der 43jährige Arvid befindet sich in einer schweren Lebenskrise. Fast seine gesamte Familie starb bei einem tragischen Unfall, von seiner Frau und den gemeinsamen Kindern lebt er getrennt. Seine Vergangenheit wird von der übermächtigen Gestalt seines verstorbenen Vaters beherrscht und die Beziehung zu seinem Bruder ist erkaltet. Aussicht auf Besserung besteht kaum.
Konsequent aus der Innensicht erzählt, entwickelt Petterson ein sehr persönliches, einfühlsames Charakterporträt. Dabei benutzt er eine elegante Sprache, die in Rückblenden und Gedankengängen das durchschnittliche Leben eines durchschnittlichen Menschen schildert, das schleichend aus den Fugen geraten ist.
"Im Kielwasser" bleibt jederzeit ein stilles, nachdenkliches Buch, das einfache Antworten und Auswege verweigert, doch Frau Grinde und Naim Hajo sind mehr als nur ein Hoffnungsschimmer in Arvids Leben.
(Alexander Gerlach)
Jennifer Donnelly: Die Teerose (Piper, 9,95 Euro)
London 1888, eine Stadt im Aufbruch: Während in den Gassen von Whitechapel das Laster blüht, träumt die siebzehnjährige Fiona von einer besseren Zukunft. Als Packerin in einer Teefabrik beweist die junge Irin ihr Gespür für die köstlichsten Sorten und exotischsten Mischungen. Doch dann muß Fiona ihren Verlobten Joe verlassen und sich im New York der Jahrhundertwende eine Existenz aufbauen.
Ein spannender und fesselnder historischer Frauenschmöker zum Eintauchen und Miterleben!
(Cathrin Brück-Thies)
Zusatztipp: Die Fortsetzung ist jetzt auch als Taschenbuch unter dem Titel "Die Winterrose" erschienen!
D.M. Cornish: Monster Blood Tattoo - Der Findling (Hanser, 17,90 Euro)
Rosamund ist ein Findling, ein Waisenkind dessen einziges Erbe sein Mädchenname ist.Er wird in Madam Operas außerordentliche Marineanstalt für Findelkinder ausgebildet und seine einzige Hoffnung, den Erniedrgungen der anderen Heimkinder zu entgehen, besteht darin, als Essigfahrer die hochgiftigen Meere zu befahren oder als Monsterjäger die Landmassen des riesigen Halbkontinents von Ungetümen aller Art zu säubern. Dieser Hoffnung scheint mit seiner Rekrutierung als Laternenanzünder ein jähes Ende gesetzt zu werden. Und doch ist Rosamunds Aufbruch der Beginn einer ungewissen und gefahrvollen Odyssee.
"Der Findling" ist der gelungene Auftakt zu einer Fantasytrilogie. Geschickt werden hier Versatzstücke des Genres zu einer stimmungsvollen, düsteren Kulisse verwoben ohne an Eigenständigkeit einzubüßen. Auf dem mystischen Halbkontinent bekriegen sich die Stadtstaaten der Menschen untereinander und werden gleichzeitig aus der Wildnis von grauenhaften Ungeheuern bedroht. Ob die Rollen von Gut und Böse aber tatsächlich so einfach zu verteilen sind, wird Rosamund mit dem Leser auf seinen abenteuerlichen Reisen noch herausfinden müssen!
(Alexander Gerlach)
Andreas Eschbach: Ausgebrannt (Lübbe, 19,95 Euro)
Stellen Sie sich vor, der Liter Superbenzin würde über 4 Euro kosten. Ein Albtraum? Ja. Bloß wäre es erst der Anfang. Denn das Ölzeitalter wird nicht erst mit dem letzten Barrel enden. Es endet, sobald mehr verbraucht wird, als gefördert werden kann. Und dieser Moment ist näher, als die meisten ahnen. Das Problem: Niemand hat einen Plan für die Zeit danach. Auch Markus Westermann weiß von all dem nichts, als er es endlich in die USA geschafft hat und mit seiner Karriere voll durchstarten will. Als er Karl Walter Block kennen lernt, sieht er seine Chance gekommen. Der alte Öltechniker behauptet, dass in den Tiefen der Erde noch genug Öl für die nächsten tausend Jahre schlummert – und dass nur er die Methode kennt, wie man es findet. Er braucht nur noch einen kompetenten Geschäftspartner. Jemanden wie Markus...
Eine beunruhigende Vorstellung verpackt in eine spannenede, flüssige Thrillerhandlung, nach deren Lektüre man sich zweimal fragt, ob man bestimmte Strecken wirklich noch mit dem Auto zurücklegen muss...
(David Brück-Thies)
Conor Kostick: Epic (Oetinger, 14,90 Euro)
"Epic" ist ein Online-Rollenspiel das von den Menschen auf Neuerde gespielt wird, werden muss, denn "Epic" ist Grundlage dieser utopischen, diktatorisch geführten Gesellschaft. Die Rechtsprechung und das Wirtschaftssystem basieren auf "Epic", gesellschaftlicher Aufstieg ist nur durch den Erfolg in "Epic" zu realisieren. Doch "Epic" und der herrschende Rat der dahinter steht bekommen einen Gegner. Der junge Erik lehnt sich gegen das unterdrückende System auf und versucht Neuerde Gerechtigkeit zu bringen. Für ihn und seine Freunde beginnt eine gefahrvolle Reise in das Herz des Rollenspiels und der Preis ist die Freiheit Neuerdes und ihr Leben!
Dem Autor gelingt mit "Epic" das verblüffende Kunststück, Literatur und Onlinespiel in einem furiosen Jugendroman zu vereinen. Der Genremix aus Fantasy, Science-Fiction und Thriller erzielt einen ähnlichen Reiz wie ein Computerspiel ohne dabei etwas anderes zu sein als ein spannendes Buch für Jugendliche. Besonders den Jugendlichen, die ihre Affinität zu Büchern zu verlieren drohen, könnte das authentische und gut recherchierte Buch eine Tür in die Welt des gedruckten Wortes öffnen.
Und das ist für einen Unterhaltungsroman keine geringe Leistung.
(Alexander Gerlach)